Leben in Einheit

Leben in Einheit

LEONARD JAN WIT

Das was nie war

Ein christlicher Missionar fragte einmal einen Zen-Meister: „Ist die Vereinigung mit Gott nicht das Ende der Suche des Menschens?“
Der Zen-Meister antwortete: „Der Endpunkt der Suche des Menschens ist nicht die Vereinigung mit Gott, weil sie nie voneinander geschieden waren. Das einzige, was man braucht, ist der Blitz der Erkenntnis, der einen das begreifen lässt.“

Manchmal begegnet man im Zen purem Non-Dualismus. Diese kurze Geschichte erhellt in wenigen Sätzen ein Denksystem, das man in vielen Geschichten in allerlei Form findet. Es ist tief verwurzelt in Einheit. Einheit ist untrennbar, Spaltung ist nicht wirklich, nur scheinbar.
Das, was du wirklich bist und Gott sind nicht zwei, sondern eins.

Dualität entsteht durch das Treffen einer Entscheidung. Beim Auswählen wird eine Trennung geschaffen zwischen dem einen und dem anderen. Wir erschaffen den ganzen Tag Trennungen zwischen kleinen und großen Dingen, auf den ersten Blick unbedeutenden Dingen und sogenannten wichtigen Dingen.
Beobachte, wie oft du an einem Tag Dinge gut oder nicht gut findest, schön oder nicht schön, angenehm oder unangenehm.

Wählen heißt ein Urteil fällen über das, was in diesem Moment einfach nur IST. Die Wahl wird oft aus dem Gefühl heraus getroffen, dass das, was JETZT ist, nicht gut genug ist. Kann man auch das, was JETZT ist, so sehen, wie es IST, ohne ein Urteil darüber zu fällen? Wählen holt dich eigentlich aus dem JETZT heraus. Und war das nicht, wo du sein wolltest: im JETZT?

Aber gibt es eigentlich einen Ort, wo kein Jetzt ist? Denke an die Geschichte von dem Mann unter dem Baum, der seine Beine nicht in die Richtung von Mekka ausgestreckt hatte.

Ein Ort, wo es kein Jetzt gibt, ist eine Unmöglichkeit. Doch durch die Idee, dass man etwas zu wählen hätte, scheint es, als ob man auch außerhalb des Jetzt sein könnte. Oft ist das Denken dadurch in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Gedanken wie: „Hätte ich doch…“ geben die Richtung an, in die das Denken sich bewegt.

Wenn es in Wirklichkeit unmöglich ist, nicht im Jetzt zu sein, obwohl die freie Wahl dir diese Illusion verschafft, kannst du dich fragen, ob das, was wir Wirklichkeit nennen, nicht eine Illusion ist.

Entscheidungsfreiheit ist das Fundament unserer Gesellschaft. Doch dieselbe Freiheit der Wahl kreiert auch den scheinbaren Abstand zum JETZT, zu dem, was IST. Das Denken, das Ego, erschafft unsere illusionäre Wirklichkeit und wir nennen das „unsere Zivilisation“. Das ist es, was Buddha MAYA „Schleier der Illusion“ nannte.

Nicht Urteilen

Es war einmal ein Schüler der nach vielen Jahren Meditation, Ritualen und Tempelbesuchen den Meister fragte: „Meister, ich folge nun schon seit Jahren allen Lektionen die Sie geben, mache alle Übungen und halte mich an alle von Ihnen gestellten Lebensregeln. Es hat sich vielleicht etwas in mir verändert, Erleuchtung habe ich hierdurch jedoch nicht erreicht. Sind alle Dinge, die Sie uns vorschreiben, denn nötig für das Erreichen von Erleuchtung?“
Der Meister antwortete: „Die meisten von uns finden darin einen Halt und das ist gut so. Doch wenn du so fragst, wirklich nötig für Erleuchtung, nein, das sind sie nicht.“
„Aber was ist es dann, Meister, bitte sage es mir “, bat der Schüler.
„Einen Tag lang nicht Urteilen müsste genug sein, um die vollkommene Einheit wieder zu erfahren“, antwortete der Meister.

Nur einen Tag! Das scheint nicht so schwierig! Einen Tag lang keinen einzigen Unterschied machen zwischen dem was ist und dem was ich will. Nicht in Worten, nicht in Gedanken, nicht in Emotionen.
Probiere es mal aus.

Es gibt einen tiefsinnigen, aber vergessenen Text aus dem alten China.
Er wird Sengtsan zugeschrieben und heißt: Hsin hsin ming. Was soviel bedeutet wie: „Geistesgegenwart.“
Die ersten Strophen lauten folgendermaßen:

Der Weg der Vollkommenheit ist nicht schwierig
für den, der keine Vorlieben kennt.
Alles wird vollständig und unvermittelt offenbart
an den, der frei ist von Verzug und Abneigung.

Verstricke dich nicht in die Vielzahl der Dinge,
doch mache ebenso wenig aus der Leere einen Rückzugsort.
Finde Ruhe in der Einheit des Seins
und jeder Unterschied schwindet von selbst.

Wer versucht, zur Ruhe zu kommen,
durch Bewegung anzuhalten,
wird unvermindert eine Quelle der Ruhelosigkeit bleiben.
Solange du einen Teil der Gegensätze wählst,
wird dir die Erfahrung des großen Ganzen nie zuteilwerden.

Wer wach ist,
fällt nicht dem Träumen zum Opfer.
Wenn das Bewusstsein keinen Unterschied erzeugt,
erscheinen die Tausend-und-einen Dinge so wie sie sind:
Eins und nur Wesentlich.

Wer das Geheimnis dieser einzigartigen Identität kennt,
ist befreit von aller Verwirrung.
Wer gleichmütig die Einheit in all ihrer Vielfalt erschaut
und die Vielfalt in ihrer Einheit,
kehrt zurück zu dem ursprünglichen Ort,
wo er oder sie seit Anbeginn wohnt.

In diesem “Nicht Zwei” kommt alles zusammen.
Alles was ist, ist willkommen und wird umarmt.
So sehen die Weisen die Welt,
wo sie auch wohnen.

Das Hsin hsin ming wurde wahrscheinlich im frühen 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschrieben. Vor 1400 Jahren – und doch hochaktuell!