Alles und Eins

Alles ist Eins

LEONARD JAN WIT

Alles und Eins

Alles beginnt mit einem Wunsch, einem Verlangen
Alles ist eine Sehnsucht nach Einheit
Alles war niemals zwei
Alles ist eins
Alles ist
Alles

Eine Wolke

Eine Wolke wollte wissen, wer sie ist und fragte die anderen Wolken um sich herum: „Könnt ihr mir sagen, wer ich bin?“ Doch die anderen Wolken zuckten mit den Schultern und gaben keine Antwort. „Gibt es denn niemanden, der mir sagen kann, wer ich bin und was ich hier mache?“, fragte die Wolke ins Blaue hinein.
Da antwortete die Erde: „Ich kann nicht sagen, wer du bist, aber ich kann dir vielleicht helfen zu entdecken, wer und was du bist.“
Und langsam drehte sie sich zur Sonne. Bei der ersten Berührung des Sonnenlichts fühlte die Wolke bereits eine kleine Veränderung, obwohl sie noch nicht wusste, was es genau war. Und dann sah sie unter sich plötzlich ihren eigenen Schatten. „Bin ich das? Es bewegt sich genauso wie ich und auch seine Form ähnelt der von mir!“

Aber die Erde gab keine Antwort und wandte sich weiter der Sonne zu. Die Wolke fühlte, wie sie langsam leerer wurde und als sie unter sich schaute, sah sie dicke Tropfen aus sich selbst heraus kommen. „Bin ich das?“, fragte sie. Aber die Erde gab keine Antwort und drehte sich noch weiter zur Sonne. Bis zum höchsten Punkt, der am Himmel erreicht werden kann. Die Wolke fühlte sich immer dünner und durchsichtiger werden. Und unter ihr verschwand langsam ihr Schatten.
Kurz bevor auch das letzte bisschen Wolke durch die Sonne verdampfte, sagte die Wolke:
„Nun weiß ich, wer ich bin.“
Und die Erde lächelte.

In den Upanischaden steht eine wunderbare Erzählung, die tiefer auf die Geschichte von der Wolke eingeht. Sie handelt von einem Jungen, der seinen Vater fragt:

„Vater, wer bin ich? Was verbirgt sich in mir? Auch, wenn ich mich noch so anstrenge, auch, wenn ich noch so oft meditiere, ich kann es nicht finden.“ Der Vater dachte nach. Sein Sohn stellte die schwierigste Frage, die es gab. Dann fragte er seinen Jungen: „Siehst du den Granatapfel da an dem Baum? Geh und hole eine Frucht von dem Baum.“ Der Junge eilte davon und kam kurz danach zurück mit einem kleinen Granatapfel.
Der Vater sagte: „Schneide ihn in der Mitte durch, was siehst du dann?“
Der Junge antwortete: „Millionen Samen.“
Der Vater sagte: „Hole einen Samen heraus und schneide ihn in der Mitte durch, was siehst du dann?“
Der Junge schnitt den Samen in der Mitte durch, blickte auf und sagte: „Nichts.“
„Siehst du“, erwiderte der Vater, „aus dem NICHTS heraus wächst ein Baum, aus dem NICHTS heraus erscheint alles. Und das gilt auch für dich, auch du bist das Nichts, das du antriffst im Herzen des Samens.“

Der Junge meditierte über das NICHTS und wurde still. Er versank in Kontemplation und genoss die Leere, er fühlte sie tief in sich. Und dabei stieg eine andere Frage in ihm auf und nach ein paar Tagen fragte er seinen Vater: „Ich beginne es zu fühlen, aber es ist alles noch ziemlich vage und undeutlich, als ob ein Schleier es umgibt. Ich kann sehen, dass alles aus dem NICHTS entsteht, doch wie kann NICHTS sich mit ETWAS mengen? Wir sind aus NICHTS entstanden, aber wie kann SEIN sich mischen mit NICHT-SEIN? Beide sind zu entgegengesetzt.“
Und wieder dachte der Vater einen Moment nach. Auch diese Frage war eine der wesentlichsten, die man überhaupt stellen konnte.
Und er sagte zu seinem Sohn: „Hole eine Tasse mit Wasser.“
Der Junge brachte sie. Da sagte sein Vater: „Nun hole noch ein wenig Zucker.“ Der Junge brachte auch den Zucker und der Vater sagte: „Vermenge etwas Zucker mit dem Wasser.“ Der Zucker löste sich im Wasser auf und der Vater fragte: „Kannst du den Zucker nun wieder aus dem Wasser holen?“
Der Junge antwortete: „Nein, das kann nicht. Ich kann nicht einmal sehen, wo der Zucker geblieben ist.“
Der Vater sagte: „Probiere es dennoch aus.“
Der Junge schaute in die Tasse, doch er konnte nirgendwo den Zucker entdecken. Der Zucker war aufgelöst und Wasser geworden.
Der Vater sagte: „Koste es mal.“
Der Junge nahm einen Schluck, es schmeckte süß. Und der Vater sagte: „Schau, so ist es. Du kannst nicht genau wissen, was SEIN und NICHT-SEIN ist, aber sie kommen zusammen wie Wasser und Zucker. Du probierst es und dann weißt du, dass Zucker drin ist. Doch du kannst das Wasser und den Zucker nicht mehr voneinander trennen, weil sie nun nicht mehr ohne einander existieren.“

Zucker und Wasser kann man natürlich trennen. Doch dieses Gleichnis gibt ein gutes Bild von Zusammensein in Einheit. Eigentlich ist keine Rede von Zusammensein, „Zusammen“ trägt nämlich das Konzept der Zweiheit in sich.
Die Wolke erkennt erst im Moment des Auflösens, dass sie nie war und immer ist.
Im Niederländischen haben wir zwei Worte, die diese Zwei-Einheit ausdrücken:
allein = all-EIN(S) und vollendet = VOLL-endet.

Form ist Leere und Leere ist Form

Wir runden diese kurze Serie Geschichten über „Alles und Eins“ ab mit einer wunderbaren Metapher.

Das Viele im Einen
Die Kaiserin fragte einmal einen ihrer Ratgeber, ob er ihr vielleicht eine praktische und einfache Demonstration geben könne von der Beziehung zwischen dem Einen und dem Vielen, von Gott zu seinen Geschöpfen und vom einen Geschöpf zum anderen.
Der Berater ging an die Arbeit und richtete einen der Palastsäle so ein, dass dort acht große Spiegel aufgestellt wurden in den acht Windrichtungen. Weiterhin ließ er noch einen Spiegel an der Decke befestigen und einen am Fußboden anbringen. In der Mitte des Saales ließ er eine Kerze an der Decke aufhängen.

Als die Kaiserin den Saal betrat, zündete der Ratgeber die Kerze an.
Die Kaiserin rief aus: „Wie wunderbar. Wie schön!“
Der Berater wies sie auf die Widerspiegelung der Flamme in jedem der zehn Spiegel hin und sagte: „Sehen Sie, Majestät, das demonstriert die Beziehung zwischen dem Einen und dem Vielen, von Gott mit jedem seiner Geschöpfe.“

Die Kaiserin sagte: „Tatsächlich, Meister. Aber was ist nun die Beziehung von einem jeden Geschöpf mit zum anderen?“
Der Berater antwortete: „Sehen Sie, Majestät, wie jeder Spiegel nicht nur die Flamme vom Zentrum widerspeigelt, sondern wie jeder Spiegel auch die Widerspiegelungen aller Flammen in allen Spiegeln widerspiegelt, sodass alle Spiegel nichts anderes mehr zeigen als eine unendliche Anzahl Flammen? Alle Reflektionen sind miteinander identisch. In gewissem Sinne sind sie miteinander austauschbar, in einem anderen Sinn hat jedoch jede dieser einzelnen Flammen eine einzigartige Existenz. Das zeigt die wahre Beziehung eines jeden Wesens zu seinem Nächsten, zu allem, was existiert. Natürlich darf ich Sie, Majestät, darauf hinweisen, dass diese Demonstration nur eine rohe, schematische und statistische Annährung an die wirkliche Situation im Universum ist, da das Universum unbegrenzt ist, und alles darin in einer ewigwährenden multi-dimensionalen Bewegung miteinander verkehrt.“ Danach deckte der Meister eine Reflektion von der unendlichen Anzahl der Reflektionen von der Flamme zu und zeigte damit, wie jeder augenscheinlich unbedeutende Eingriff sofort eine Auswirkung auf den ganzen Organismus unserer Welt hat.

Eine alte Weisheitsregel besagt: Eins in Allem, Alles in Einem, Eines im Einen, Alles in Allem.